Manager-Portrait
»Bange machen gilt nicht. Aber Sorge haben wir alle«
Wie der oberfränkische Unternehmer Hans-Georg Rießner seinen Familienbetrieb zur Abwehr von Billigimporten konkurrenzfähig hält
Hans-Georg Rießner ist Unternehmer in der vierten Generation. Im oberfränkischen Michelau beschäftigt er in seiner Polstermöbelfabrik zweihundert Menschen aus der Region rund um Coburg. In der nahen Tschechischen Republik steht ein weiterer Betrieb, in den er einen Teil seiner lohnintensiven Fertigung wie Näherei und Lederzuschnitt ausgelagert hat. Jenseits der tschechischen Grenze wird nämlich zu einem Bruchteil der Löhne gearbeitet, die er in Michelau zahlt. Im eigenen Unternehmen erlebt Rießner also jeden Tag, warum der europäische Osten seine Branche das Fürchten gelehrt hat.
Aber auch das kennzeichnet Rießner: ein zweistelliges Umsatzwachstum und ein Exportanteil von schon 20 Prozent. Das Unternehmen Rießner kommt also relativ gut durch die Krise der Branche, die in wenigen Jahren fünftausend Arbeitsplätze an Billiglohnländer verlor. Wie er das macht, zeigt er Fachbesuchern auf zwei riesigen Fabriketagen, in denen keine Maschine mehr surrt, ausgenommen die Kaffeemaschine. Hier, in einer riesigen, menschenleeren Ausstellung, in die nur zu sogenannten Hausmesse Gäste kommen, zeigt Hans-Georg Rießner, was seine Mannschaft Tag um Tag produziert.
Etage 1 sieht gewissermaßen aus wie schon immer: Möbel von der Stange im Durchschnittsgeschmack: voluminöse Polstergebirge auf schweren Gestellen. »Wir brauchen das so«, sagt Rießner, der das Geschäft von der Pike auf erlernt hat und heute außer für seine Firma auch im Branchenverband Möbel-Holz-Kunststoff Bayern/Thüringen Verantwortung trägt. »Die Möbeleinkaufsketten verlangen solches Design und vermarkten es unter ihrem eigenen Namen. Möbeleinzelhändler finden den Weg zu uns leider nur selten. Wer Polstermöbel unter einem Handelsnamen kauft, weiß oft gar nicht, wer sein Möbel hergestellt hat.«
Ein Ohrensessel mit der High-Tech eines Luxus-Automobils
Etage 2 bietet ein anderes Bild: weithin Leder in gedämpfteren, aber doch auch mutigeren Farben und klareren, zeitgemäßeren Formen. Hier stehen Rießners Designerprodukte aus handwerklicher Fabrikation. »Nähte in konkaven Verläufen näht keine Maschine. Da brauchen wir unsere Facharbeiter. Ja, wir bilden auch wieder Polsterer aus. Der Beruf stand vor dem Aussterben. Doch das beginnt sich zu wandeln.«
Keinen Platz auf seiner raumgreifenden zweiten Etage hat Hans-Georg Rießners jüngstes Produkt, das er gemeinsam mit der Osteoporose-Klinik Fürstenhof in Bad Pyrmont entwickelt hat: ein Ohrensessel mit dem Innenleben eines komfortablen Sitzes aus einem Luxus-Automobil. Einer der weltweit erfolgreichsten Hersteller von Autositzen ist um die Ecke in Coburg zuhause. Was die Fahrer teurer Automobile längst schätzen: die Einstellung von Sitzhöhe und -neigung, des Anstellwinkels von Rückenlehne und Kopfstütze, die Lordosenstütze, die das Rückgrat entlastet, und die sich wechselweise langsam auf- und wieder leerpumpenden Luftkissen unter beiden Pobacken, die sanft das Gesäß massieren und bei langem Autofahrten das Ermüden verhindern – alles das ist ja Stand der Technik. Warum bislang nur im Automobil?
Design-Innovationen ermöglichen den Aufbau einer eigenen Marke
Auto und Wohnraum haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Natürlich erwartet niemand im warmen Wohnzimmer eine Sitzheizung wie im kalten Automobil. Aber gehbehinderte Menschen wissen Bequemlichkeiten aus dem Auto auch im heimischen Sessel zu schätzen: etwa dass auch sein Sitz sich für jeden Zweck in Höhe und Neigung passend einstellen lässt. Das kann nun erstmals Rießners Osteoporose-Sessel.
Das Möbel ist teuer und muss es wohl sein. Ein Flatscreeen, die elektronische Kommandobrücke für die Technik unter den Polstern, ist in der Armlehne unter einer Schamlasche versteckt und nennt nur Zentimeter und Neigungswinkel, keine Euro. Aber Rießner weiß, dass er mit diesem Gerät richtig investiert hat. »Es gibt immer mehr ältere Menschen. Wir haben eine echte Marktlücke gefunden und das Know-How für deren Nutzung entwickelt.« Mit einem eigens hierfür neu gegründeten Unternehmen vertreibt Rießner dieses Produkt nun als medizinisches Möbel nicht über den Einrichtungsfachhandel, sondern über spezielle Fachgeschäfte wie beispielsweise Sanitätshäuser und Rehabilitationseinrichtungen aller Art. Schon erhalten Rießners Verkäufer Einladungen, ihren High-Tech-Sessel in Alten- und Serviceeinrichtungen zu präsentieren – und bemerken dabei, dass dieses Geschäft an den sonst so mächtigen Einkaufsgemeinschaften vorbei geht, direkt zum Verbraucher. Damit wird auch für Möbelkäufer sichtbar und fühlbar, was ein Möbelhersteller leistet. Der Aufbau einer eigenständigen Marke ist auf einmal keine Utopie mehr.
»Sorgen vor der Billigkonkurrenz aus dem Osten haben wir alle«, gibt Rießner im Blick auf seine Etage 1 unumwunden zu. Wie stark oder wie schwach sein designorientiertes Geschäft auf der zweiten Etage werden wird, bestimmt er kaum selbst. Zu viele Wettbewerber wurden zwischen dem Druck der Handelsketten und dem der Billigimporteure schon zerrieben. »Aber Bange machen gilt nicht. Mit unserem Design-Programm Ergoselect und mit unseren High-Tech-Sessel haben wir zwei neue Beine gefunden, die längst nicht mehr nur Spielbeine sind. Sie entwickeln sich zu Standbeinen für unsere Firma.« Mit solchen Designer-Produkten geht Rießner in seinen Markt: über Handelsketten, Fachhändler, Senioreneinrichtungen und im unmittelbaren Kontakt mit dem Verbraucher. »Einfach ist das nicht«, sagt Rießner, »aber es dürfte sich lohnen.«
Alle Verwertungsrechte sind frei. Ein Belegexemplar bzw. ein Link zu einer Online-Veröffentlichung wird erbeten.






