Hochschul-Design
»Wir erfinden Zukunft. Unsere Waffe ist Innovation«
Was Innenarchitektur und integriertes Produktdesign tun, um Arbeitsplätze zu sichern und neue Absatzmärkte zu schaffen
»Wir können uns leisten, etwas zu riskieren«, sagt Werner Kintzinger, Dekan des Fachbereichs Innenarchitektur/Integriertes Produktdesign an der Fachhochschule Coburg. Der umtriebige Wissenschaftler ist nicht abhängig von Absatz- und Umsatzzahlen, Lohnkosten und Wettbewerbsdruck. Als Hochschullehrer könnte er die Kämpfe von Firmen um ihre künftige Existenz gelassen aus der Distanz einer Fachhochschule betrachten.
Und tut ganz das Gegenteil: Hängt sich rein, redet täglich mit Firmen, untersucht die Barrieren, die in Unternehmen den Fortschritt bremsen, räumt einige weg. Mit seinem Arbeitsgebiet »Integriertes Produktdesign« hat er dafür so etwas wie einen Generalschlüssel. Denn integrieren lässt sich in das Produktdesign einer Firma so ziemlich jedes Detail vom Firmennamen und Firmenschild über die Einkaufs-, die Fertigungs- und die Vertriebspolitik sowie über die Preisstellung bis zur Mitarbeiterentwicklung und -motivation. Alles hat seine Regeln. Alles hat seine Gestalt. Und Kintzinger ist ein Gestalter. Seine Welt ist das Design. Das Produktdesign. Das Unternehmensdesign. Er ist fast öfter in Firmen als im Hörsaal zu finden.
»Wir wollen Sichtweisen verändern, vor allem in der Wirtschaft«, sagt auch Auwi Stübbe. Als 2. Vorsitzender des Coburger Designzentrums Oberfranken hält der Berufskollege Kintzingers und Studiengangsleiter Innenarchitektur an der FH Coburg ebenfalls engen Kontakt zu den regionalen Betrieben und weiß: »Die können nicht allzu viel riskieren. Aber sie müssen. Wer sich nicht ändert, kommt unter die Räder. So ist das mit der Globalisierung.«
»Neu Materialien führen zu neuen Produkten«
»Wir nehmen nichts als gegeben hin. Warum muss ein Schaumstoff außen porös sein? Warum soll man eine Spanplatte nicht biegen können? Neue Materialien führen zu neuen Produkten«, lässt sich schließlich Peter Raab vernehmen, Prodekan des FH-Fachbereichs Innenarchitektur/Integriertes Produktdesign. Wie seine Professorenkollegen Stübbe und Kintzinger unterrichtet auch der Diplom-Designer Raab an der Coburger FH und macht dort und an seinem eigenen Vision-Institut erstaunliche Erfahrungen: »Geiz ist nicht geil, sondern doof. Wer nur Schnäppchen nachjagt, versäumt gute Ideen. Die fördern wir mit unserer Arbeit. Manchmal vielleicht etwas extrem. Wir provozieren und überziehen durchaus. Die Praxis korrigiert von allein. Heraus kommen einige wirklich gute Innovationen.«
Unter dieser Prämisse steuern die drei Hochschullehrer die Arbeit eines Think Tank in der nordbayerischen Provinz, kurz vor der thüringischen Grenze. Mit Unterstützung des bayerischen Wirtschaftsministeriums arbeitet in Coburg nämlich das dortige Designforum Oberfranken für die Zukunft der Wirtschaft im gesamten nördlichen und östlichen Bayern. »Die Billigkonkurrenz aus dem Osten martert uns alle«, weiß ihr 1. Vorsitzender, der Unternehmer Jürgen Popp aus Neustadt bei Coburg. »Nur mit neuen Ideen kommen wir gegen diesen Wettbewerb an. Unser Nachwuchs hat solche Ideen. Mit ihnen kommen wir wirklich voran.«
Die drei Coburger Professoren arbeiten mit regionalen Firmen zusammen und entwickeln für diese Unternehmen neue Produktstrategien. Aber »es geht nicht darum, für einen speziellen Hersteller in konkretes Einzelstück zu entwerfen.« Stübbe will mehr. »Wir schaffen Konzepte, von den eine ganze Branche profitieren soll. Und wir bringen branchenübergreifend Firmen zusammen. Wir kümmern und darum, dass Netzwerke entstehen, Netzwerke für Innovation.«
»Wer uns fragt, muss ständig mit Innovationen rechnen«, droht Raab und lacht kurz dabei. Was klingt wie ein Scherz, ist jedoch ernst gemeint. Das Coburger Designforum Oberfranken bürstet Erfahrungen gegen den Strich. Und siehe da: Hinter den Gewohnheiten entdecken seine Aktiven neue Ideen.
Möbeldesign – ein erstes Anwendungsfeld und Muster für viele
Das Coburger Land ist das deutsche Polstermöbel-Zentrum. Wie Perlen an einer Schnur ziehen sich Betriebe die Bundesstraße 303 entlang – Deutschlands »Sofa-Allee«. Kein Wunder, dass das Coburger Designforum sich daher als erstes mit dieser Branche befasste. Und hat gleich einen Knaller gelandet: eine Liege für den Wohnraum, den Balkon oder den Garten, die das Innerste nach außen kehrt und trotzdem gut aussieht. Das schwungvolle Gerät auf einem Stahlrohrgestell hat noch nicht einmal eine Namen. Aber es realisiert eine innovative Idee: »Warum soll man Schaumstoffe eigentlich unter Möbelbezügen verstecken? Die Maserung eines Tisches versteckt man doch auch nicht.«
Gedacht – geforscht – gefunden. Schaumstoffe mit ihrer porösen Struktur eignen sich zwar nicht als Möbelbezug, so lange diese poröse Oberfläche Schmutz gerade magisch anzieht und hält. Wenn aber dieser Schaumstoff eine Art Lederhaut hätte, schön, glatt und geschmeidig ...
Er hat sie bekommen. Aber dazu braucht es kein Leder. Die Schaumstoffauflage einer noch namenlosen Liege der beiden Coburger Designer Timo Schwach und Ralf Rosenthal – der eine stammt aus dem Nachwuchs der regionalen FH, die ihre Studenten im gesamten Bundesgebiet rekrutiert, der andere lehrt dort Polstermöbeldesign – wird wie billigste Verpackungs-Polster aus Standard-Schaumstoffplatten geschnitten. Eine vielkantige Form drückt die spätere Oberflächenstruktur der Liege von rückwärts in den Schaumstoff hinein, ein scharfes Messer schneidet in einem Rutsch ab, und der elastische Schaumstoff bildet, kaum dass die Form ihren Druck löst, mit seiner Oberfläche diese Negativform positiv nach. Danach bekommt diese Oberseite aus Lack ihre lederartige Haut. Die überzieht das ganze Gebilde, schließt seine Poren, macht es rutschsicher, abriebfest, abwaschbar – zum Reinigen genügt ein Platzregen im Garten oder ein Eimer Wasser auf dem Balkon.
Ideen für zahlreiche Branchen – Coburg will Innovationszentrum sein
Was in der Möbelbranche schon funktioniert, wird das Coburger Designforum Oberfranken auch in anderen Branchen erproben. So produziert ein Porzellanunternehmen zum Beispiel Keramik, um seine Gießöfen hitzbeständig auszukleiden. Wo früher dicke Schamottewände standen, liegen jetzt nur mehr fingerdünne Keramikplatten und isolieren ebenso gut. Dieses Material ist aber nicht nur äußerst hitzebeständig, sondern sieht auch noch unverschämt gut aus. Längst haben es die Coburger Design-Profis entdeckt. Zur Zeit werden daraus Lampen entwickelt. Weitere Produktideen warten auf den richtigen Nutzer ...
»Keramik untersuchen wir parallel zu Kunststoff und Holz, Glas und Stein. Die Möbelbranche legt nahe, dass wir uns auch mit dem gesamten Wohnen befassen, mit Tischkultur und Licht im Raum. Das führt weiter zum Laden- und Messebau, zu Hoteleinrichtungen und in den Nahrungsmittelbereich. Aber auch Spielsachen gehen uns an.« Auwi Stübbe, der Coburger Professor für Innenarchitektur, hat längst seine selbstgewählte Beschränkung auf Innenräume verlassen. »Eine Firma hier im Raum hat seit Jahrhunderten Schaufelstiele gemacht, schöne, gebogene, gut in der Hand liegende, nur leider zu teure Stiele. Sie war nahe am Konkurs. Wir haben ihr gezeigt, wie man dieses Handwerk einsetzen kann, um aus gebogenem Holz Spielplatzgeräte zu bauen. Die Firma läuft wieder. Und gar nicht mal schlecht.«
Netzwerke bringen innovative Firmen aus ganz Bayern zusammen
Auch das Coburger Trio Kintzinger, Stübbe und Raab kocht nur mit Wasser. Aber die drei benutzen ganz neue Töpfe und erproben ständig neue Rezepte. Ein besonders erfolgreiches heißt »Netzwerke bilden«. Die Professoren bringen Firmen zusammen, die gemeinsame Vorteile nutzen. Davon profitiert zum Beispiel der Betrieb von Kurt Schütz. Der 45-Jährige übernahm vor einigen Jahren von seinem Vater dessen 1946 in einer Gartenlaube gegründete Korbflechterei. Heute beschäftigt sie zweihundert Leute. Kurt Schütz’ Luxus-Himmelbetten stehen in deutschen Schlafzimmern ebenso wie in den Emiraten am persischen Golf. Schütz muss tschechische Preise nicht unmittelbar fürchten. Verarbeiten lässt Schütz Rattan längst auch in Java. Zuhause in Oberfranken setzt er auf Innovation und auf exklusives Design seiner Profis Stefan Heiliger und Jan Armgardt. Die nächste Designer-Generation, zu der Timo Schwach und Ralf Rosenthal aus der FH Coburg gehören, kommt nun mit neuen Ideen. Hinter ihr steht die wissenschaftlich abgesicherte Expertise. »Mit ihr stehen wir als Partner im gesamten ostbayerischen Grenzland bereit,« betonen die Coburger Professoren. Und immer mehr Firmen hören interessiert zu.
Das Netzwerk des Coburger Projekts »Erfolg durch Design« reicht vom Handwerker, etwa einem Schlossermeister in Untersiemau, bis zum Automobilkonzern in Ingolstadt und vom Recycling-Spezialisten im schwäbischen Bobingen bis zu Glasbläsern in Zwiesel im Bayerischen Wald. Workshops für innovative Produkte aus firmenübergreifenden Netzwerken gibt es mittlerweile im Bereich Möbel und Wohnungseinrichtung, Lifestyle und Licht, Nahrungsmittel und Sportgeräte oder wird es bald geben.
Auf der Internationalen Möbelmesse in Köln hat das Coburger Designforum bereits Produktideen aus sieben Workshops mit doppelt so viel beteiligten Firmen gezeigt. Weitere Auftritte sind längst geplant. Der Aktionskalender reicht bis in den Herbst 2005. Auch eine erste nichtbayerische Firma aus dem thüringischen Sonnefeld hat schon Interesse bekundet. Kommt sie für das Bayern-Programm überhaupt in Betracht? »Mit Grenzen haben wir hier lange genug leben müssen«, sagt Auwi Stübbe; »das ist vorbei. Selbstverständlich sind uns auch unsere Nachbarn willkommen.«
Bilder
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