Hintergrund
Tschechien ruft. Und Arbeitsplätze verschwinden
Das Lohngefälle nach Osten zieht immer mehr Firmen ins Ausland. Dagegen kämpft ein staatliches Ertüchtigungsprogramm Ostbayern
Wenn Geiz allein wirklich geil wäre, wäre jede ostbayerische, ja jede deutsche Firma längst irgendwo zwischen Eger und Jung-Bunzlau zuhause. Cheb/Eger, die westlichste Stadt des tschechischen Sudentenlandes, lockt ebenso mit billigen Preisen wie Mlada Boleslav eine knappe Autostunde nordöstlich von Prag, dessen früheren deutschen Namen Jung-Bunzlau kaum jemand mehr kennt. Dafür kennt jeder die Autos, die Volkswagen da baut: Škoda-Automobile. So günstig kann man dort produzieren, dass Škoda in Mlada Boleslav rund die Hälfte des Fahrzeugwerts am Ort selbst herstellt. An westlichen Standorten, wo diffizilste Arbeitsteilung den letzten Euro an Rationalisierungsvorteil herausholen muss, ist es normalerweise nur ein Viertel.
Bayerische Arbeitsplätze wandern nach Tschechien, weil’s dort billiger ist
Billige Arbeit macht Märkte. Was schon in den frühen 1990er Jahren im gastronomischen Gewerbe begann, ist längst Alltag geworden: Tschechische Saisonarbeitskräfte pendeln zu Niedriglöhnen nach Bayern. Zum Zeitpunkt der EU-Erweiterung waren es schon 30.000. »Der Arbeitsmarkt im tschechischen Westen ist leergefegt«, sagt der IHK Bayreuth zuständige Experte Norbert Raps. Nicht erst die EU-Osterweiterung hat jedoch auch einen Gegentrend ausgelöst: Deutsche Arbeitsplätze wandern nach Osten. Schlagzeilen hat fast nur die geplante Verlagerung mehrerer hundert Rodenstock-Arbeitsplätze von Regen über die Grenze gemacht. Ob das so kommt, ist weiterhin offen. Generell rollt eine Verlagerungswelle jedoch schon seit Jahren. »Die Wirtschaft war in dieser Hinsicht bereits vor der EU-Osterweiterung aktiver als die Politik vermutet hat«, urteilt Peter Sonnleitner in Passau. Als Geschäftsführer für internationale Wirtschaftsbeziehungen der niederbayerischen IHK kennt er diese Szene genau. Zweigbetriebe in Tschechien seien für viele bayerische Unternehmen schon seit Jahren normal. Mittlerweile sind mehr als tausend solcher Firmen in der deutsch-tschechischen Handelskammer in Prag organisiert. Kaum ein Unternehmer gehe aber komplett nach »drüben«, heißt es bei der IHK Passau. Fast immer würden nur »zweite Beine« errichtet, Teilfabrikationen also, deren preisgünstige Zulieferungen auch die Arbeit der Stammbelegschaften in Deutschland absichern helfen.
War Ostbayern zu Zeiten des Eisernen Vorhangs einmal Höchstfördergebiet, so ist es nun das westliche Böhmen. Industrieansiedlungen bekommen dort Zuschüsse von 50 Prozent. IHK-Experte Norbert Raps bekommt »ständig Anrufe« von Firmen, die bei Stundenlöhnen von oft nur fünf Euro jenseits der Grenzen nicht im Westen weiter machen können, als sei nichts geschehen. Aber er weiß auch: »Gewerbegebiete östlich der Grenze stehen leer. Die Firmen gehen gleich weiter nach Osten, wo die Arbeit noch preisgünstiger ist. Das Grenzland ist auch östlich der ehemaligen EU-Außengrenze im überregionalen Vergleich zum Teil schon zu teuer.« Geht, bis das Lohngefälle sich irgendwann angleicht – was jeder in fernerer Zukunft erwartet – die Wirtschaft im Grenzland kaputt? Keineswegs, kontert Sonnleitner. »Großhändler etwa können, seit es keine stundenlangen Grenzkontrollen mehr gibt, auch Einzelhändler jenseits von Waidhaus ohne Komplikationen beliefern.« Die Regionen wachsen zusammen. Ohne fachlich gut qualifizierte Arbeitskräfte aus Tschechien stünde mancher bayerische Betrieb schon jetzt schlechter da. »Es gibt gute Gründe, die bisher sehr eingeschränkte Freizügigkeit für tschechische Arbeitskräfte nicht erst 2011 freizugeben, sondern schon ab 2006 allmählich zu lockern«, sagt Sonnleitner, »bedarfsgerecht, je nach Situation, aber schon bald.« Zwar gebe es Anpassungsschmerzen. Aber langfristig profitierten beide Seiten von der gewachsenen EU, gerade auch Bayern.
Zahlen bestätigen das. In den ersten drei Quartalen 2004 ist die Ausfuhr aus Bayern nach Tschechien um knapp sechs Prozent gewachsen, die Einfuhr aus Tschechien aber um fast neun Prozent gesunken. Die Ausfuhr nach Polen stieg um über 20 Prozent, die Einfuhr aus Polen aber nur um weniger als vier Prozent. In die ost- und südosteuropäischen Länder exportierten Firmen aus Bayern um 24 Prozent mehr, während sie die Einfuhr um gerade einmal 1,4 Prozent steigerten. Insgesamt war die Einfuhr aus Tschechien nach Bayern etwa so groß wie die aus Großbritannien oder aus den Niederlanden und nur halb so groß wie die aus Italien. Die Einfuhr aus Polen lag erst bei einem Drittel des tschechischen Werts, die aus den übrigen ost- und südosteuropäische Ländern (ohne Ungarn, aber mit Russland) etwa so hoch wie die aus Tschechien und Polen zusammen. In Zahlen: Import aus CZ: 3,4 Mrd. €, aus PL: 1,2, aus Ost-/Südosteuropa: 4,2. Ausfuhr nach CZ: 2,4 Mrd. €, nach PL: 1,7, nach Ost-/Südosteuropa: 4,0. Alle Werte: Konjunkturbericht Bayern der Bay. Staatsregierung vom Dezember 2004.
Ein Ertüchtigungsprogramm Ostbayern stützt die Wettbewerbsfähigkeit
Die Bayerischen Staatsregierung steckt derzeit viel Geld und gute Ideen in ein Förderprogramm, um ganz Ostbayern zu ertüchtigen und akute Anpassungsschmerzen zu lindern. Dieses »Ertüchtigungsprogramm Ostbayern« ist über 100 Millionen Euro schwer und unterstützt Investitionen sowie Unternehmensansiedlungen. Darüber hinaus steuern Fachleute in den IHKs und in den Handwerkskammern Nord- und Ostbayerns ein ganzes Bündel an Initiativen. Sie reichen von Marktanalysen und Standortinformationssystemen über Unternehmensbarometer und Programme zur Mitarbeitermotivation bis zum Multimedia-Support und von der Nachhilfe für Firmen über das Wirtschaften im europäischen Osten bis zur gezielten Verbesserung der Kooperationsfähigkeit über denfrüheren Eisernen Vorhang hinweg. Regelrechte Unternehmens-Fitness-Programme sind da angelaufen. Auch das regionale Marketing wird gezielt ausgeweitet, in Oberfranken genauso wie in der Oberpfalz und in Niederbayern.
»Unsere Zukunft liegt auch in gestalterisch anspruchsvollen Produkten«
Ein Schwerpunkt liegt in der Förderung eines wettbewerbsorientierten Designs. »Unsere Zukunft liegt in know-how-intensiven, technologisch höchstwertigen und nicht zuletzt auch gestalterisch anspruchsvollen Produkten und Dienstleistungen«, sagt Bayerns Wirtschaftsminister Dr. Otto Wiesheu dazu und erläutert: »Wir wollen Unternehmen zu Produktinnovationen ermutigen und die Zusammenarbeit mit Designern erleichtern.«
Das geschieht von einem Standort aus, an dem Design Tradition hat. Es ist nicht immer sehr zeitgemäß gewesen, das oberfränkische Möbeldesign; aber etliche Firmen im Coburger Land, wo jedes dritte deutsche Sofa hergestellt wird, haben begriffen, was die Zukunft verlangt. Sie investieren in gutes Design und sehen sich durch Markterfolge bestätigt. Direkt an der oberfränkischen Sofa-Allee, wie die B 303 mit ihren vielen Möbelfirmen manchmal genannt wird, unterrichtet in Coburgs früherem Hofbräuhaus die regionale Fachhochschule mit ihrem Bereich Innenarchitektur/Integriertes Produktdesign. Deren Professorentrio aus Werner Kintzinger, Peter Raab und Auwi Stübbe arbeitet mit Fördermitteln aus München im Coburger Designforum Oberfranken nicht nur für ihre Region, sondern für den ganzen ostbayerischen Raum. So arbeitet das Förderkonzept, das sie nutzen:
Neue Produkte aus neuen Materialen – bisher funktioniert dieses Modell
In Workshops mit Unternehmen und Nachwuchsdesignern erarbeitet das Designforum unter Leitung des Trios neue Materialien, neue Verfahren und neue Produktideen. Holz und Metall, Stein und Glas gehören ebenso zu den Werkstoffen, die da auf neue Einsatzmöglichkeiten untersucht werden, wie etwa Keramik. Wohnen und Tischkultur, Farbe und Licht, Hotels, Läden und Messen sind ebenso Thema wie der öffentliche Raum und der private Lifestyle. Stets geht es darum, Produkte zu finden, die neue Märkte zu guten Preisen erschließen.
Jedes Gestalterteam erhält in den Workshops einen Paten aus dem Lager der Unternehmer. Die »alten Hasen« lernen dabei nicht nur ihre vielleicht allzu eingefahrenen Gewohnheiten neu zu betrachten und zu relativieren. Sie bringen auch ihre Erfahrung mit ein, so dass der Designernachwuchs wirklich marktfähige Produkte entwerfen kann. Diese Umsetzung der Produktideen aus dem Labor des Designforums in die raue Wirklichkeit der Märkte wird von den Unternehmern organisiert und begleitet. »Jeder Pate«, umreißt Bayerns Wirtschafts- und Innovationsminister Otto Wiesheu das Grundkonzept, »hat die Chance, eine innovative Produktidee zu realisieren und dazu das Design-Know-how von Fachleuten zu nutzen. Alle in den Workshops entstandenen Produktideen sollen öffentlichkeitswirksam vermarktet werden. Damit können sich die beteiligten Unternehmen auch neue Vertriebswege erschließen«. Das Ostbayern-Projekt »Erfolg durch Design« läuft bis Ende 2006. »Machen Sie mit«, sagt Wiesheu. »Sie können nur gewinnen.«
Alle Verwertungsrechte sind frei. Ein Belegexemplar bzw. ein Link zu einer Online-Veröffentlichung wird erbeten.






