Firmen-Portrait
»Nicht die Menge macht’s. Nur das Besondere zählt«
Was der Mittelständler Völker Design in Ebersdorf bei Coburg tun muss, um mit seinen Hochpreis-Produkten im globalen Wettbewerb zu überleben
Gähnende Leere und nahezu unheimliche Stille fast das ganze Jahr, eine Handvoll Sessel und Sofas auf verschwenderisch viel Platz in oft ungeheizten Fabrikhallen für anscheinend niemanden dekoriert, bisweilen überhaupt nur über einen rüttelnden Lastenlift erreichbar oder über ein irgendwo verstecktes Industrietreppenhaus, das der Besucher nicht findet – so präsentiert sich eine ganze Branche, wenn nicht gerade »Hausmessen« sind. Nur zu diesen Einkaufstouren der großen Möbelhandelsketten bei den Herstellern erwachen weitläufige Produktdisplays im oberfränkischen Land jeden Herbst auf einige Tage zum Leben. Kommen dann die Herbstnebel, gehen die Kunden wieder. Dann legt sich erneut Stille über das Land. Die Polstermöbelfirmen der Coburger Gegend haben dann entweder eine Jahresproduktion vermarkten können oder müssen überlegen, ob sie im Jahr darauf noch mitbieten können angesichts der globalen Preisdrückerei. Sie beklagen den Verlust einer über Jahrhunderte gewachsenen Wohnkultur. Doch kaum jemand hört ihnen zu.
Bei Achim und Marco Völker ist das ganz anders. Der Eingang zu ihrem Betrieb erinnert an die Halle eines Hotels. Der Schauraum ist groß, verschwenderisch groß – in Ebersdorf bei Coburg scheint der Grund und Boden noch relativ billig zu sein. Aber hier wird kein industrieller Lagerraum für gelegentliche Besucher umfunktioniert. Hier herrschen schickes Messedesign und Klimatisierung. Man spürt sofort: Design ist hier nie ein Fremdwort gewesen. 1960 stieg der Vater der beiden heutigen Besitzer, Arno Völker, in die Fertigung von Metalldrehgestellen für Postermöbel als Zulieferer ein. Aber die klobigen Dinger, die er da herstellen musste, hatte er schnell satt. Er stieg um und schuf eine eigene, edle, hochpreisige Marke. »Unsere Firma«, sagen die Söhne heute, »mauserte sich vom heißen Insidertipp zur etablierten Größe in der internationalen WohnDesign-Szene.« Völker beschäftigt mittlerweile 150 Personen und baut Möbel nach Maß.
»Hier kannst Du aussuchen. Hier bestimmst Du, was wir tun«
Doch seltsam: Die »Möbel für Individualisten«, die der Katalog vollmundig ankündigt, sehen in ihrem schlanken, reduzierten Design fast aus wie von der Stange. Dass jeder Stuhl, jeder Schrank als Unikat hergestellt wird, gern nach der Farbe der Krawatte des Kunden oder wonach immer er auch verlangt – das ist kaum erlebbar. Eine Auswahl an Leder in allen Dicken und Farben stand noch vor Kurzem herum wie ein Putzlappenständer – die Völkers haben ihn inzwischen durch ein Display ersetzt, das dem Besucher auf den ersten Blick signalisiert: Hier entscheidest du, was geschieht. Denn hier kannst du aussuchen. Hier brauchst du nicht zu nehmen, was wir dir bieten. Hier bestimmst du, was wir tun.
»Nicht die Menge machts. Nur das Besondere zählt,« sagt Achim Völker und deutet auf seine Entwürfe. Es sind Entwürfe im wörtlichen Sinn. »Wenn ein Kunde ein anderen Holz, andere Beschläge, andere Farben verlangt – kein Problem. Auf Individualfertigung sind wir programmiert.«
Auch bei Völker Design hat die Automobilbranche Pate gestanden. Autokäufer mit entsprechendem Konto können sich in Stuttgart oder München längst ihre Fahrzeug nach Wunsch machen lassen. Hatte nicht einer der Pariser Top-Designer einmal die gesamte Innenausstattung seines Wagens nach dem Karostoff in der Auskleidung seiner Koffer bestellt? Natürlich hat er diesen Wagen bekommen. In arabische Golfstaaten gehen noch viel eigenwilligere Fahrzeugdesigns.
»Wir erziehen unsere Kunden. Und sie erziehen auch uns«
Individuelles Design ist ein Geben und Nehmen, nicht nur zwischen den Designern, die für Völker arbeiten, und den Ingenieuren und Handwerkern in seiner Firma. Auch zu seinen Kunden hat Völker Design ein kooperatives Klima entwickelt. »Wir erziehen unsere Kunden zu Avantgarde-Design. Sie erziehen auch uns. Wir lernen jeden Tag Neues. So setzen wir uns ab vom Massengeschmack, vom Massensortiment und von Dumpingpreisen der Massenwaren im Markt.«
Deshalb also sind Völkers Waren nicht in einer ungeheizten Lagerhalle mehr ab- als ausgestellt, sondern stets wie auf einer Messe präsent. »Sie können die gesamte Designpalette von Völker in einer ganzjährigen Werksausstellung besichtigen«, wirbt die Firma denn auch. Dazu das immerwährende Messedesign, dazu die Klimaanlage. Und dazu das neue Leder-Display.
Völker-Design ist Pate der ersten Coburger Designforum-Innovation
Eine Firma, die jeden Tag neue auf Kundenwünsche eingehen muss, tut sich nicht besonders schwer, eine zunächst verrückt klingende Idee zweier Designer aus dem Humus der FH Coburg in die Tat umzusetzen: eine Liege, in der das Unterste, nämlich die üblicherweise unansehnliche Schaumstoff-Polsterung, zuoberst gekehrt und weder durch einen Möbelstoff noch durch eine lederne Haut abgedeckt wird. Nein, denn der Schaumstoff selbst ist »behautet«. Kaum war er in seine Form geschnitten, wurde er lackiert und dann über ein bei Völker übliches, aber ebenfalls neu designtes Stahlgestell gezogen. Völker-Design ist Pate dieser Coburger Produktinnovation. In Verbund eines Firmennetzwerks wird die neue Liege nun marktreif gemacht. Anfang 2005 stellte das Designforum sie erstmals öffentlich aus: auf der Kölner Möbelmesse, dem größte deutschen Branchentreff. Hatte Völker bislang dem Designforum geholfen, so half das Forum damit der unterstützenden Firma. Geben und Nehmen hat in Coburg einen attraktiven Klang. Neue Partner interessieren sich schon für dieses innovative Konzept »Erfolg durch Design«.
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