Fallstudie
5000 Jobs sind dauerhaft weg. Bleibt nun der Rest?
Ausgeblutet oder gesundgeschrumpft? Die oberfränkische Möbelindustrie hat den Globalisierungsschock vielleicht schon bewältigt
Die Bundesstraße 303 von Bamberg nordwärts über das bayerische Coburg bis ins thüringischer Sonnefeld ist Deutschlands Sofa-Allee. Jedes dritte Postermöbel, das in deutschen Wohnstuben steht, wird hier hergestellt, meist in Familienbetrieben. Was europaweit aktive, mächtige Einkaufsgenossenschaften wie z. B. Musterring für den Möbelkunden verbergen, zeigt diese Gegend auf Schritt und Tritt: Deutschlands Polstermöbel kommen aus mittelständischen, oft traditionsverhafteten Firmen. Sie sind vom globalen Preiskrieg um billige Möbel gebeutelt. Viele setzten auf Massenware zum günstigen Preis und wussten doch, dass sie mit Billiglöhnen aus dem Osten auf Dauer nicht mithalten konnten. Alle klagten über Preisdrückerei. Wer auf Qualität setzte, hatte und hat aber Chancen.
Binnen weniger Jahre wurde die bayerische Möbelbranche halbiert
Die Boomjahre der deutschen Postermöbelbranche liegen lange zurück. Denn die Möbelwelle der 60er und 70er-Jahre ist längst ausgelaufen. Viele Firmen, die in den damaligen Boomjahren auf ihr mitschwammen, hat das rauere Konjunkturklima späterer Jahre vom Markt gefegt. In den letzten 15 Jahren ist fast die Hälfte der einmal rund 30.000 Arbeitsplätze verschwunden. Gut hundert Firmen mit 17.000 Mitarbeitern haben den Schrumpfungsprozess überlebt. Sie fertigen in Deutschland heute jeden zweiten Polstersessel und jedes zweite Sofa, das hierzulande verkauft wird, und erwirtschaften rund 2.5 Mrd. EUR Umsatz im Jahr.
Das Herz dieser Branche schlägt im bayerisch-thüringischen Grenzland. Zwei von jeweils drei Polstermöbeln aus deutscher Produktion kommen hier her. Dreißig Firmen mit mindestens 20 Personen arbeiten noch in Bayern. Sie und ihre Zulieferer geben insgesamt 8.000 Menschen im Freistaat Lohn und Brot und erwirtschaften 800 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Bis auf vier domizilieren alle bayerischen Polstermöbelfirmen im Coburger Land, wo Korbflechter eine Jahrhunderte alte Tradition bis in die Gegenwart fortführen konnten und wo sich die Postermöbelindustrie in der Nachbarschaft dieser Flechtereinen nach dem 2. Weltkrieg entwickelte.
Hohe Qualität muss wichtiger werden als ein niedriger Preis
Postermöbel sind zwar keine besonders komplizierten, aber arbeitsintensive Produkte. Viele Handgriffe kann keine Maschine. Rund ein Drittel des Preises machen deshalb nach wie vor die Lohnkosten aus. Das Lohngefälle nach Tschechien ist für die fränkischen Möbelhersteller also ein wichtiger Faktor. Längst kommen arbeitsintensive Zulieferteile vielfach aus Zweigbetrieben im Osten. Trotzdem wären solche Möbel aus bayerischen Standorten nur noch schwer zu verkaufen, liefe der Wettbewerb lediglich über den Preis. »Den reinen Preiskampf müssen wir aus Standortgründen verlieren«, urteilt der langjährige Vorstand des bayerisch-thüringischen Branchenverbandes Möbel-Holz-Kunststoff, Anton Rösch. »Den Kampf um bessere Qualität aber können wir gewinnen – nicht zuletzt auch durch ein attraktives Design. Das zu erreichen war ein harter und langer Kampf. Wahrscheinlich haben wir ihn durchgestanden. Die Polstermöbel-Region Coburg ist schon nicht mehr wiederzuerkennen. Mit dem, was die top-Firmen dort produzieren, brauchen sie sich hinter guten Italienern nicht mehr zu verstecken.«
Damit Möbel Markenartikel werden können, brauchen sie ein klares Design
Erstaunlich ist auf den ersten Blick nur, dass der Verbraucher das kaum jemals bemerkt. Gibt es bei Möbeln keine Markenartikel, die jeder kennt? Es gibt sie, aber sichtbar werden sie nicht. Denn der deutsche Möbelmarkt wird zu über 85 Prozent von wenigen Einkaufsketten beherrscht, drei großen und einem weiten Dutzend kleinen. Sie bestimmen, was in Möbelhäusern geschieht. Die Hersteller werden dahinter bisher kaum sichtbar. Erst allmählich fördert ein charaktervolles Möbeldesign, über das Fachzeitschriften und Lifestyle-Magazine berichten, das Bewusstsein, dass es außer dem Dutzendgesicht der Möbelmärkte auch Niveau gibt im deutschen Möbeldesign – freilich zu anderen Preisen.
Langsam werden solche Marken bekannt. Langsam entstehen Produktlinien, die nicht mehr nur über den Preis in den Markt gedrückt werden, sondern die durch Qualität überzeugen. Langsam entwickelt sich ihr Design. Seit fünf bis sechs Jahren fruchtet inzwischen eine Kooperation von Designexperten der regionalen Fachhochschule mit Möbelfirmen im Coburger Land. Das Förderprogramm der bayerischen Staatsregierung »Erfolg durch Design« hat diese Praxis mittlerweile intensiviert und auf zahlreiche andere Wirtschaftszweige erweitert. Was die Polstermöbelbranche vorexerziert, dass nämlich ein zeitgemäßes Design auf der Basis neuer Werkstoffe und Herstellverfahren neue, interessante Produkte und mit ihnen auch neue Märkte erobert, spricht sich allmählich herum.
Messeauftritte organisiert die FH ohne Kosten für die beteiligten Partner
Auf der diesjährigen Kölner Möbelmesse waren die Fachhochschule Coburg und ihre Kooperationspartner aus Nord- und Ostbayern bereits mit sieben Teams und doppelt so vielen Firmen vertreten: aus den Branchen technische Keramik, Schaumstoff und Federkern, Beschichtung und Sitzkissen, Möbeltechnik und Beschläge, Büromöbel und Metallmöbel, Küche und Bad. Die Aktiven der Branche haben ihre Chance begriffen: Sie profilieren sich als Markenartikler mit Qualitätsware in unverwechselbarem Design. Sie produzieren Möbel auf hohem Niveau für Kunden, die das honorieren. Der Branchenumsatz ist letztes Jahr leicht gestiegen. Die Ampeln für Designermöbel aus Oberfranken stehen auf grün.
Alle Verwertungsrechte sind frei. Ein Belegexemplar bzw. ein Link zu einer Online-Veröffentlichung wird erbeten.






