Designer-Portrait 4
»Erfolg durch Design« macht Lastwagenplane zu Modeartikeln:
Made in Germany nachtsumeins
Eine neue Mode aus einer Design-Fachhochschule macht ihren Weg im Internet. Warum Andrea und Doreen ihre Umhängetaschen nicht in China herstellen lassen.
Wie viele Handtaschen besitzt eine modebewusste junge Frau? Immer eine zu wenig. Darüber waren sich Andrea Reisenhofer und Doreen Borsutzki bei einem Telefonat nachts um eins sehr schnell einig. Die beiden 25 Jahre jungen Design-Studentinnen der Fachhochschule Coburg machten nicht nur eine Produktidee aus ihrem nächtlichen Schwatz, sondern auch eine Firma. Die heißt nun nachtsumseins.com, und was sie entwirft und vermarktet, sind sehr ungewöhnliche Taschen vor allem für Damen.
Andrea und Doreen studieren Innenarchitektur. Ihr Studiengang ist in Coburg mit Produktdesign verschmolzen, und so haben beide nicht nur mit Baumaterialien zu tun, sondern auch mit allen möglichen anderen. Für Damenhandtaschen suchten sie nach einem Werkstoff, der einfach zu bekommen und zu verarbeiten sein, aber hochwertig aussehen sollte. Sie fanden einen lichtdurchlässigen, thermoplastisch-elastischen Kunststoff sowie LKW-Plane. Beide sind widerstandsfähig und abwischbar. Was aber das Entscheidende ist: Der Kunststoff lässt sich mit Wärme verformen. Seine angenehme Haptik und seine Widerstandsfähigkeit bleiben dabei erhalten. Andrea und Doreen machen aus erhitzten Folien nun phantasievolle Reliefs.
»Wir haben bestimmt erst einmal fünfzig Formen gemacht und alle verworfen. Geschlafen haben wir wenig in dieser Zeit.« Aber es galt, eine sogenannte Vertiefungsarbeit im Rahmen des Studiums zu schreiben. Die hatte Termin. Einerseits hatten die beiden Designer dazu zu klären, wie man Kunststofffolie über Formen so zieht, dass sich – in jedem beliebigen Design – dauerhafte Reliefs bilden. Andererseits ging es darum, den Fertigungs- und den internetgestützten Vermarktungsprozess zu durchdenken und als Teil ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu dokumentieren. Sie taten es nicht nur für ihr Examen, sondern auch fürs Geschäft.
»Unser Grundkonzept ist es, individuelle Produkte zu schaffen, die sich durch Kreativität und neue Materialkombinationen auszeichnen und die in Eigenproduktion gefertigt werden können.« Aber Andrea und Doreen produzieren gar nichts außer Ideen. Ihr Taschenkonzept haben sie unter bestimmten Bedingungen in Lizenz an die ebenfalls noch junge Tina Gehlen vergeben. Deren Eltern gehört eine Postermöbelfabrik im oberfränkischen Untersiemau. Dort werden außer Möbelbezügen nun eben auch Taschen genäht – maximal hundert pro Einheit.
»Von Anfang an wollten wir Lieblingsstücke schaffen, die kein Vermögen kosten dürfen, aber trotzdem individuell sein sollen«, sagen die beiden. Im Blick haben sie junge Leute mit Sinn für die gestalterische Pointe im Leben, die das gerne auch zeigen. Und sie haben ihren Standort im Blick. Auch sie haben inzwischen zwar Angebote erhalten, in China mehr Auflage billiger produzieren zu lassen. »Aber da,« sagt Doreen, »wollten wir einfach nicht mitmachen. Nö. Wir leisten es uns im Moment noch, idealistisch zu sein. Wir stehen zum Made in Germany. Unser Design erlaubt es uns, hiesige Herstellkosten einzukalkulieren und trotzdem attraktive Preise zu bieten. Made in Germany bleibt unser Prinzip.«
Inzwischen gibt es auch Lampen aus der gleichen Material- und Formensprache der beiden jungen Designer. Mit denen und ihren Taschen sind sie bereits erfolgreich auf der Kölner Möbelmesse gewesen. Jetzt allerdings müssen beide erste einmal ihr Examen bestehen – in Innenarchitektur. Andrea recherchiert Einrichtungen in SOS-Kinderdörfern in Südafrika und arbeitet an einem Konzept, ein Jugendhaus exemplarisch umzugestalten, und Doreen den Wohnstil von Studenten-Wohngemeinschaften in Deutschland. Aber nach dem Examen wird das Produktdesign sie weiter beschäftigen. »Ideen haben wir viele. Sie hören wieder von uns.«
Bilder
Alle Verwertungsrechte sind frei. Ein Belegexemplar bzw. ein Link zu einer Online-Veröffentlichung wird erbeten.






