Designer-Portrait
»Den Kopf frei kriegen – das ist die Herausforderung«
Wie das Designer-Duo Timo Schwach und Ralf Rosenthal erfolgreich mit Gewohnheiten bricht und warum das Leichte so schwer ist
»Sonderbar« heißt eine besondere Bar in der Coburger Altstadt, ein typischer Studententreff in dieser nordbayerischen Stadt. Timo Schwach (35) und Ralf Rosenthal (34) sitzen dort gern, auch wenn beide eigentlich das Studentenalter hinter sich haben. Schwach, als gelernter Schreiner ein begeisterter »Holzwurm«, wie er selbst sagt, brachte schon fünf Berufsjahre mit, als er 1999 an der Fachhochschule Coburg Innenarchitektur zu studieren begann. Rosenthal, gelernter Polsterer und später Raumausstattermeister, weitergebildet zum Betriebswirt im Handwerk, hat seinen Hang zum handwerklichen Gestalter stetig weiterentwickelt und ist inzwischen bei Rossi-Design in Coburg in der Entwicklung neuer, aber meist konventioneller Polstermöbel tätig. Als er 2004 Lehrbeauftragter an dieser FH wurde, brachte er schon 17 Berufsjahre in der Postermöbelindustrie mit. Hölzerne Möbelgestelle, Sprungfedern, Polster, Möbelstoffe, Lederbezüge – das ist beider Welt. Aber jetzt haben beide ein Möbel entwickelt, das es so noch nie gab: Stahl, darüber in bewegten Formen geschnittener Schaumstoff, Lack drüber, fertig. Eine Innovation in der Möbelindustrie wartet auf Kundschaft.
Beide diskutieren in ihrer Studentenkneipe gern über so ernsthafte Dinge wie die Funktion eines Materials oder die richtige Form eines Möbels. Aber nicht nur der fermentierte Fruchtsaft der Sonderbar, quittegelb und lycheelila, scheint manchmal ihre Gedanken zu färben. Auch der Name ihrer Stammkneipe klingt wie Programm. »Postermöbel werden heutzutage fast immer mit Schaumstoff gepolstert. Der wird dann unter Möbelstoff oder Leder versteckt. Wenn nun Schaumstoff selbst außen so zäh wie Leder wäre und auch so gut aussehen könnte – es muss ja nicht quittegelb sein ...«
Ob diese Idee eher von den Coburger FH-Professoren Auwi Stübbe oder Werner Kintzinger stammte und was Rosenthal und was Schwach zu ihr beisteuerten – keiner weiß es mehr so genau, und keiner findet das wichtig. »Den Kopf frei zu kriegen vom gewohnten Geradeaus-Denken – das ist die Hausforderung«, sagt Rosenthal, und Schwach sekundiert: »Japaner sitzen bekanntlich eher auf dem Boden und weniger auf Möbeln westlicher Art. Wir suchten Ideen für bodennahes Wohnen mit Materialien von heute«. Er beschreibt, warum es so schwer ist, ganz leichte, ganz reduzierte, in sich schlüssige Ideen zu finden: »Man muss alle Gewohnheiten gedanklich weg räumen und so tun, als gäbe es nichts. Deswegen macht es schon Sinn, dass ich als Schreiner nicht mit Holz gearbeitet habe, und dass Ralf Rosenthal keine Möbelstoffe eingesetzt hat.« Das Ergebnis ist je nach Lacküberzug rot oder grün, weiß oder gelb, läst sich als Bodenmatte zusammenrollen und als Liege überall aufstellen und erregt erst einmal Aufsehen.
Das war einkalkuliert. »Die Idee einer Behautung von Kunststoff ist aber nicht grundsätzlich neu. Armaturentafeln von Automobilen sind aus Kunststoff und mit einer lederähnlichen Haut aus Kunststoff überzogen«, erläutert Rosenthal. »Aber in der Möbelbranche gibt es dergleichen unseres Wissens noch nicht.«
Holzwurm Schwach fand in der Schaumstofffirma Eurofoam im oberfränkischen Dörfles-Esbacheinen willigen Partner, bei dem der Bayer Harald Weismann und der Armenier Besin Osmani Schaumstoff zu Hunderten verschiedener Formen zuschneiden. Am Starnberger See kannte Kintzinger einen Lackproduzenten, der das Material für die Behautung bereit stellt. Völker Design in Ebersdorf bei Coburg kennt sich in der möbelgerechten Stahlverarbeitung aus. Und Coburg ist keine sehr große Stadt. Man kennt sich und trifft sich. So entstehen Netzwerke zwar nicht wie von allein, doch fast schon auf Zuruf.
Einmal im Jahr trifft sich die Polstermöbelbranche dort zur Oberfranken-Messe. Da kommen nicht nur alle Möbelprofis der Region, sondern auch Einkäufer aus dem In- und Ausland nach Coburg. In der ehemaligen Darre des früheren Hofbräuhauses von Coburg, dem Sitz der FH, zeigte das Team im Sommer 2004 zum Messetermin erstmals ihre Idee. Für den Schreiner Schwach war sie ebenso Neuland wie für den Polsterer Rosenthal. »Aber das ist ja gerade die Herausforderung«, sagen beide, »eingefahrene Gleise zu verlassen.« Die Branche agiere noch zu konservativ. Aber »wer stehen bleibt, fällt zurück«, sekundieren Kintzinger und Stübbe, ermutigen die beiden Designer, den Blick weiter nach vorne zu richten, und suchen nun Partner, die den Prototyp serienreif machen.
»Ich bin da bestimmt weiter dabei«, sagt Rosenthal, »und wenn es zehn Jahre dauert.« Er kann sich das leisten; denn solche Zukunftsentwürfe und seine Lehrtätigkeit in den Werkstätten der Fachhochschule laufen für den angestellten Formenbauer nebenbei mit. Und auch Schwach will die Idee der abwaschbaren Liege mit ihrem neuen Design weiter verfolgen. »Vielleicht mache ich mein Examen über dieses Produkt«, sagt der noch-Student, »und schenke es dann meiner Tochter.«
Nele Schwach (7) begeistert sich sofort für diese Idee, durfte sie doch das kuschelig weiche und trotzdem robuste Schaumstoffgebilde immer wieder einmal auch als Spielplatz benutzen. Mangels Babysitter hat sie die bisherigen Auftritte der noch namenlosen Liege nämlich alle persönlich miterlebt. Auf die Kölner Möbelmesse, wo die FH Coburg die neue Liege erstmals vor großem Fachpublikum präsentierte, konnte Schwachs Tochter allerdings nicht mitfahren. »Macht nichts«, sagt Ralf Rosenthal, wir können unsere Liege ja Nele taufen. Dann bleibt das Mädchen wenigstens namentlich mit von der Partie.« Sagt’’s, erlebt Nele völlig hingerissen und spendiert ihr – ob fermentierte Fruchtsäfte wohl einer Siebenjährigen schmecken? – statt der sonderbaren Rezepte der Sonderbar lieber mitten im Winter ein Eis.
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